Krank mit Schmerzen zur Arbeit – Ein Heldenstatus der wenig bringt

Spannungskopfschmerzen und Migräne, aber auch Nacken- und Rückenschmerzen, gehören zu häufig geäußerten Beschwerden am Arbeitsplatz [1]. Dies spiegelt sich jedoch meist nicht in den Fehltagen wider. Denn der Entscheidung, dem Arbeitsplatz fernzubleiben, geht immer ein Abwägungsprozess voraus, bei dem Pflichtbewusstsein, Loyalität gegenüber Arbeitskollegen oder auch die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, eine große Rolle spielen.

Wird man den Arbeitsanforderungen wegen seiner Beschwerden nicht mehr voll gerecht, entsteht daraus auch ein erheblicher Stress. Inwieweit es dann gelingt, die belastenden inneren und äußeren Anforderungen so zu verarbeiten, dass daraus keine negativen Folgen entstehen (Coping) [2], ist meist fraglich. Obwohl eine ausreichende Stressverarbeitung für die Belastungsfolgen weit wichtiger ist als die Häufigkeit und Intensität der damit verbundenen Stressepisoden [3]. Zudem können arbeitsbezogene psychosoziale Bedingungen wie eine niedrige Arbeitsplatzzufriedenheit, monotones Arbeiten sowie soziale Konflikte am Arbeitsplatz, die Gemengelage noch erschweren [4].

Präsentismus statt Therapie – ein Fehler vieler Arbeitnehmer

Wenn in den letzten 12 Monaten mehr als 70% aller Arbeitnehmer krank zur Arbeit gegangen sind [5], scheint „Präsentismus“ [6] mehr die Regel als Ausnahme zu sein. Einer Forsa-Umfrage zufolge gilt dies vor allem für Arbeitnehmer zwischen 25 bis 40 Jahren, deren Karriereambitionen entsprechende Opfer fordern [7]. Und hier besonders junge, gebildete weibliche Betroffene im Service- und direkten Dienstleistungsbereich [8]. Meist zum Nachteil des Arbeitgebers, nachdem die Arbeitsproduktivität mehr darunter leidet, als wenn sich die Beschäftigten einfach nur krank gemeldet hätten [9].

Bei Beschäftigten von Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen liegt z.B. die Prävalenz (Häufigkeit) jobbedingter Nackenschmerzen bei 50 bis 60% [10]. Und die 1-Jahresprävalenz von Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS) bei immerhin 35% [11], wobei offensichtlich Schmerzen des Bewegungsapparats die Bereitschaft erhöhen, dies durch Präsenz am Arbeitsplatz auszugleichen [12].

Präsentismus ist besonders beim Pflegepersonal von Kliniken und Altenheimen, Arbeitnehmern in sozialen Einrichtungen oder in der Pflege von Angehörigen überproportional häufig anzutreffen [13],[14]. So sollen einer Untersuchung zufolge, 58% der Betroffenen, trotz Schmerzen des unteren Rückens (lumbal), weiterhin zur Arbeit gehen [15]. Wobei ein gutes Arbeitsklima und faire Abläufe das ganze sogar noch fördern. Dies ist auch deshalb besorgniserregend, weil sich mit wachsender Zahl an Tagen mit Schmerzen, auch das Risiko einer depressiven Symptomatik erhöht [16]. Vor allem Schmerzen, die länger als 6 Monate dauern, ergeben für die Betroffenen ein viermal höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken [17].

Auch Sportler neigen dazu, aus Schmerzen ein Geheimnis zu machen

Wer nun denkt, dass die Verdrängung eigener Schmerzepisoden nur ein Fall pflichtbewusster Arbeitnehmer ist, hat weit gefehlt. Gerade im Leistungs- und Breitensport zeigt sich nämlich ein ähnliches Vertuschungsbild. Denn hier herrscht eine Kultur vermeintlicher Belastbarkeit und Zähigkeit, die es nicht zulässt, häufig vorkommende Schmerzen und Verletzungen larmoyant zu thematisieren. Schließlich verinnerlicht ein Sportler für gewöhnlich einen Mythos, dass Schmerz mit Schwäche und persönlichem Versagen gleichzusetzen ist.

Wie wichtig es ist, dies ernst zu nehmen, ergibt sich in einer aktuellen systematischen Metaanalyse mit über 30.000 Sportlern. Sportartabhängig zeigte sich hier bei knapp de Hälfte aller einbezogenen Studien (hoher Evidenz), dass durchschnittlich 51% der Sportler (12 bis 94%) innerhalb der letzten 12 Monate an lumbalen Rückenschmerzen gelitten hatten [18]. Schmerzbedingte Beschwerden werden jedoch nicht nur verdrängt, sondern wirken sich auch negativ auf das Einkommen aus. Denn chronische Schmerzsyndrome bedeuten gleichzeitig eine um 20% geringere Wahrscheinlichkeit, die Chance zu haben, vollzeitbeschäftigt zu sein. Und man geht davon aus, dass Schmerzeinflüsse generell weit schwerer wiegen als sonstige Komorbiditäten (Zusatzerkrankungen) oder z.B. ein stark erhöhter BMI [19].

Quellen:

[1] Allen D, Hines EW, Pazdernik V et al. Four-year review of presenteeism data among employees of a large United States health care system: a retrospective prevalence study. Hum Resour Health. 2018; 16: 59
[2] Wolf S, Meins S. Betriebliche Konsequenzen der Arbeitssucht. Hans Böckler Stiftung. 2003; Arbeitspapier 72
[3] Laux L, Weber H. Presentation of self in coping with anger and anxiety: an intentional approach. J Anxiety Res. 1991; 3(4): 233-255
[4] Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (Hrsg).  Empfehlungen zur Therapie von Kreuzschmerzen. Arzneiverordnung in der Praxis. 2007; Band 34, Sonderheft 2. Ärzteschaft Add
[5] Badura B, Schröder H, Klose J, Macco K. Fehlzeiten-Report 2009. Anteil unterlassener Krankmeldungen. Wissenschaftliches Institut der AOK
[6] Aronsson G, Gustafsson K, Dallner M. Sick but yet at work. An empirical study of sickness presenteesim. J Epidemiol Commun Health. 2000; 54: 502-509
[7] DAK-Studie. Viele Deutsche gehen krank zur Arbeit. Forsa 2014
[8] Chen RY, Chang YT, Yeh CY, Huang YT. Musculoskeletal pain, work characteristics and presenteeism among hotel employees. Int Schol Sci Res Innov. 20108; 12(8): 1043-1049
[9] Loeppke R, Taitel M, Haufle V et al. Health and productivity as a business strategy: a multiemployer study. J Occup Environ Med. 2009; 51(4): 411-428
[10] Hush JM, Michaleff Z, Maher CG, Refshauge K. Individual, physical and psychological risk factors for neck pain in Australian office workers: a 1-year lingitudinal study. Eur Spine J. 2009; 18, 1532-1540
[11] Briggs AM, Straker LM, Bear NL, Smith AJ. Neck/shoulder pain in adolescents is not related to the levevl or nature of self-reported physical activity or type of sendetary activity in an Australian pregnancy cohort. BMC Musculoskelet Dis. 2009; 10: 87
[12] Schultz AB, Edington DW. Employee health and presenteeism: a systematic review. J Occup Rehabil. 2007; 17: 547-579
[13] Tsuboi Y, Murata S, Naruse F, Ono R. Associantion between pain-related fear and presenteeism among eldercare workers with low back pain. Eur J Pain. 2019; 2383): 495-502
[14] Elstad JI, Vabo M. Job stress, sickness absence and sickness presenteeism in Nordic elderly car. Scand J Public Health. 2008; 36: 467-474
[15] d’Errico A, Viotti S, Baratti A et al. Low back pain and associated presenteeism among hospital nursing staff. J Occup Health. 2013; 55: 276-283
[16] Korff M, Simon G. The relationship between pain and depression. Br J Psychiatry Suppl. 1996; 30: 101-108
[17] Gureje O, Von Korff M, Simon GE et al. Persistent pain and well-being: a World Health Organization Study in Primary Care. JAMA.1998; 280(2): 147-151
[18] Wilson F, Ardern CL, Hartvigsen J et al. Prevalence and risk factors for back pain in sports: a systematic review with meta-analysis. Br J Sports Med. Oct 19, 2020; doi: 10.1136/bjsports-2020-102537
[19] Langley P, Müller-Schwefe G, Nicolaou A et al. The impact of pain on labor force participation, absenteeism and presenteeism in the European Union. J Med Econ. 2010; 13(4): 662-672